PROJEKT: Vom Korn zum Brot
Mit dem Lied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ starteten Manu (Multiplikatorin Ernährung), Paco (Koch) und Simon (Musikpädagoge) ein Projekt rund ums Brot – von Korn zu Mehl und schließlich zum eigenen Brot, das die Kinder mit großer Begeisterung erlebten.
Vom Korn zum Brot
Am Anfang stand ein Lied.
Ein Mühlenlied, eingebettet in den Alltag und verbunden mit dem Thema Ernte, das bei den Kindern etwas auslöste. Sie hörten genau hin, begannen nachzufragen und stellten erste Verbindungen her. Was ist eigentlich ein Müller? Die erste Antwort kam schnell – und sorgte für Lachen: Müll. Und Brot? Das, so meinten einige Kinder ganz selbstverständlich, komme von ALDI. Gleichzeitig beschäftigten sich andere Kinder schon länger mit Körnern, Weizen und Gerste. Aus diesen Beobachtungen heraus verdichtete sich die Idee, den Weg vom Korn bis zum Brot gemeinsam zu erkunden.
Was zunächst musikalisch begann, wurde bald praktisch. Körner wurden betrachtet, zwischen den Fingern gerieben, probiert und schließlich gemahlen. Die Kinder erfuhren am eigenen Körper, wie anstrengend dieser Prozess ist, und entwickelten ein erstes Verständnis dafür, dass Mehl früher nicht einfach verfügbar war. Dabei konnten sie selbst entscheiden, ob sie mahlen, beobachten oder zunächst nur zuschauen wollten. Immer wieder wechselten Interessen: An einem Tag stand das Mahlen im Mittelpunkt, an einem anderen das genaue Betrachten der Mühle oder die Frage, wie sie eigentlich funktioniert und was im Inneren passiert.
Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts wurde der Sauerteig. Ihn gemeinsam anzusetzen, über Tage hinweg zu begleiten und immer wieder zu „füttern“, machte Zeit und Geduld erfahrbar. Die Kinder rochen täglich daran und stellten fest, wie sich der Geruch veränderte – mal mild, mal deutlich stärker und für manche auch unangenehm. Diese Unterschiede wurden ausgehalten, benannt und immer wieder neu bewertet. Beim Kneten spürten die Kinder, wie sich der Teig unter ihren Händen veränderte, geschmeidiger wurde und auf Wasser, Bewegung und Ruhe reagierte. Sie entschieden mit, wie viel Mehl verwendet wurde, beobachteten die Wirkung kleiner Veränderungen und erlebten unmittelbar, dass gutes Brot Aufmerksamkeit und Zeit braucht. Aus dem selbst gemahlenen Mehl und dem gepflegten Sauerteig wuchs schließlich ein Weizenvollkornbrot heran – ein Moment, der bei vielen Kindern sichtbaren Stolz hervorrief.
Musik begleitete den gesamten Prozess und gab ihm Struktur. Rhythmus unterstützte die Arbeitsschritte, Lieder öffneten Zugänge zu alten Berufen und regten Gespräche über Begriffe, Bilder und frühere Arbeitsweisen an. Dass ein „Müller“ nichts mit Müll zu tun hat, wurde ebenso geklärt wie die Frage, warum Brot nicht einfach fertig entsteht. Dabei erweiterten die Kinder ganz nebenbei ihren Wortschatz, beschrieben ihre Beobachtungen immer genauer und suchten gemeinsam nach passenden Begriffen für das, was sie sahen, rochen und fühlten.
Auch alltägliche Routinen bekamen im Projekt eine neue Bedeutung. Bevor es ans Arbeiten ging, wurde Händewaschen selbstverständlich eingefordert und eingehalten. Der Wunsch, sofort loszulegen, trat hinter die Einsicht zurück, dass Hygiene Teil der Zubereitung ist. So verband sich das Tun mit Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft.
Während des Projekts bewegten sich die Kinder zwischen Küche, Musikraum und Gruppenalltag. Sie wählten selbst, welche Stationen sie begleiten wollten, brachten eigene Ideen ein und bestimmten mit, wie nah sie dem Prozess kommen wollten – durch aktives Mitmachen, genaues Beobachten oder gezieltes Nachfragen. Nicht jedes Kind war an jedem Schritt beteiligt, doch jedes fand seinen eigenen Zugang.
Mit der Zeit zeigte sich, wie nachhaltig das Projekt wirkte. Brot wurde beim Essen bewusster wahrgenommen, Körner im Gebäck wiederentdeckt und neue Fragen stellten sich fast von selbst. Kinder, die sonst zurückhaltend waren oder wenig Interesse am Essen zeigten, öffneten sich, probierten und blieben aufmerksam dabei. Das Projekt verband unterschiedliche Bereiche des Kindergartens neu miteinander und wirkte spürbar in den Alltag hinein: Brot wird inzwischen regelmäßig gemeinsam hergestellt, gehört fest zur Woche und Vollkornprodukte werden von den Kindern gezielt nachgefragt.
Die Menschen hinter dem Projekt
Dass aus einem Lied ein langfristiges Projekt entstehen konnte, ist der Haltung und dem Engagement der beteiligten Erwachsenen zu verdanken.
Simon (Musikpädagoge) nahm das musikalische Interesse der Kinder ernst und schuf mit offenen Stationen und Wahlmöglichkeiten einen Rahmen, in dem Geschichte, Musik und Ernährung miteinander verwoben wurden. Besonders eindrücklich war zu beobachten, wie sich auch Kinder, denen der Kita-Alltag sonst schwerfällt oder die beim Essen zurückhaltend sind, auf das Projekt einließen. Sie probierten Körner, blieben neugierig dabei und fanden über das gemeinsame Tun einen Zugang, der entspannte und stärkte.
Manu (Multiplikatorin Ernährung) begleitete den Prozess mit einem besonderen Fokus auf Sinneswahrnehmung, Sprache und Gesundheit. Die anhaltende Neugier der Kinder war dabei deutlich spürbar: Sie fragten immer wieder nach dem Stand des Projekts, wollten wissen, was mit dem Teig passiert war, und blieben über Wochen hinweg aufmerksam und interessiert. Diese Ausdauer und der sichtbare Forschungsdrang machten deutlich, wie nachhaltig das Thema die Kinder beschäftigte.
Paco (Koch) öffnete den handwerklichen Prozess konsequent für die Kinder. Die Begeisterung und Freude, mit der sie das Brotbacken begleiteten, führte dazu, dass das Projekt weit über den ursprünglichen Rahmen hinauswuchs. Um die Kinder dauerhaft einzubinden, wurden neue Strukturen geschaffen: Eine Knetmaschine wurde angeschafft, Hochstühle ermöglichten das Arbeiten auf Augenhöhe, und ein Brutkasten unterstützte den Teig beim Gehen. Aus der Erfahrung entstand die Entscheidung, das Brotbacken fest im Alltag zu verankern.
Gemeinsam haben Paco, Simon und Manu ein Projekt gestaltet, das aus dem Interesse der Kinder herausgewachsen ist und durch ihre Haltung, Fachlichkeit und sichtbare Leidenschaft Tiefe, Kontinuität und Bedeutung gewonnen hat.
Zeitlicher Rahmen des Projekts
Das Projekt „Vom Korn zum Brot“ begann am 07.10.2025.
In den ersten Wochen, vom 07.10. bis 20.10., stand das Korn im Mittelpunkt: Mahlen, Vergleichen und Erkunden prägten diese Phase. Am 23.10. wurde gemeinsam der Sauerteig angesetzt und fortan regelmäßig begleitet. Das erste Brot wurde am 29.10. gebacken, ein weiteres Mal am 04.11.. Das Kernprojekt erstreckte sich insgesamt bis zum 18.11..
Dass die Erfahrungen darüber hinauswirkten, zeigte sich deutlich: Noch im Januar 2026 wurde Manu von einem Kind gefragt, wann denn wieder Brot gebacken werde.